Haus der Geschichte in Bonn: NFC im Test

 

Am 15. März 2018 wurde die Ausstellung „Deutsche Mythen seit 1945“ im Haus der Geschichte in Bonn eröffnet. Wir waren besonders auf die Umsetzung eines barrierefreien NFC-Audioguides für blinde Besucher gespannt.

 

Der Abend war, um es vorweg zu sagen, sehr gelungen und hat die Anreise gerechtfertigt.

Zahlreiche Besucher füllten das Foyer, so dass wir sehr froh waren, früh genug angekommen zu sein. Die Eröffnungsworte von Hans Walter Hütter (Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland) und Christoph Schwennicke (Journalist und Chefredakteur des politischen Magazins Cicero) waren nicht nur unterhaltsam, spannend und dicht, sondern auch kurz, so dass man viel Zeit für die Ausstellung (und das thematisch passende Büffet mit Currywurst, Kartoffelsalat und Buletten) zur Verfügung hatte.

Die Ausstellung ist inhaltlich und gestalterisch gut gemacht. An dieser Stelle möchte ich mich mit den eingesetzten Vermittlungstools beschäftigen. Eine Vielzahl von Medien kommt in der Ausstellung zum Einsatz. Viele kreativ gestaltete Klappen, Schubladen und Gucklöcher animieren zum Entdecken. Hier werden Fragen gestellt und beantwortet, Einblicke gewährt oder längere Texte platzsparend untergebracht.

 

An zahlreichen Stellen kommen klassische Medienstationen zum Einsatz, die zum Teil auch mit Einhandhörern für Audiodokumente ausgestattet sind. Eine Selfie-Station mit rotem Thronsessel vor der „Wir sind Papst“-Titelseite der BILD-Zeitung lädt zum Fotografieren ein.

Interessanterweise nutzten an diesem Abend die Besucher vor allem völlig unbefangen die analogen Angebote. Es liegt sicher auch daran, dass Besucher sich bei einer Ausstellungseröffnung generell anders verhalten als zu regulären Öffnungszeiten, aber es war schon ziemlich auffällig, dass ich kaum einen Besucher beobachten konnte, der sich ausgiebiger mit den Medienstationen beschäftigte. Mir persönlich fehlte an den Medienstationen mit Audioangebot eine Lautstärkeregelung, mir waren die Audios schlichtweg zu laut.

 

Ganz besonders interessierte uns aber der NFC-gestützte Audioguide für blinde Besucher. Im Folgenden würde ich gerne eine kritische Analyse der Umsetzung liefern.

Sehr gut umgesetzt wurde das taktile Bodenleitsystem. Hier wurde verstanden, dass digitale Angebote für blinde Besucher zu Zeit noch nicht ohne taktile Elemente funktionieren, vor allem nicht in kleinteiligen und kurvenreichen Ausstellungen wie in dieser. Auf fast schwarzem Untergrund sind hellgraue, also sehr kontrastreiche, taktile Linien und Aufmerksamkeitsfelder angebracht. So werden blinde und sehbehinderte Besucher sicher zu den Points of Interest und den Audiostationen gelenkt. Dort sind ansprechend gestaltete Stelen postiert, die eine taktile Gestaltung der Oberfläche aufweisen.

 

Die nun abgespielten Audiodeskriptionen beinhalten nicht nur Informationen zu den Objekten, sondern auch Navigationshinweise durch den Raum und Raumbeschreibungen.

Dies alles ist (soweit ich das als sehende Besucherin beurteilen kann), sehr gut umgesetzt worden.

 

Da wir aber seit Jahren die NFC-Technologie in unterschiedlichen Bereichen einsetzen und über ein entsprechendes Know-How verfügen, sind uns einige Punkte aufgefallen, die durchaus problematisch sind.

  1. Im Eingangsbereich der Ausstellung wird weder auf die Funktionalität hingewiesen noch näheres erläutert. Weltweit ist die NFC-Technologie noch keiner sehr breiten Öffentlichkeit bekannt. Das ist eigentlich kein Hindernis, denn die Technologie zeichnet sich durch sehr große Benutzerfreundlichkeit aus. Nur wenige Anweisungen sind nötig, um dem Besucher diese bis dahin vielleicht unbekannte Technologie zu erklären. Da aber diese Hinweise fehlen, bin ich mir ziemlich sicher, dass eine gewisse Zahl der Besucher keine positive Erfahrung machen wird.
  2. Einer der großen Vorteile von NFC ist die Möglichkeit, Inhalte ohne App-Download oder sonstige Infrastruktur abzurufen. Dies wird so nun auch im Haus der Geschichte getestet. Durch Berühren des NFC-Chips wird eine Website aufgerufen, die dort angebotene Audiodatei wird aber nicht automatisch gestartet. Es ist fraglich, ob diese Lösung gerade für Blinde die optimale Lösung ist. Der Einsatz einer App (auf Leihgeräten oder auch auf dem eigenen Gerät) würde in diesem Fall eine völlig intuitive Nutzung erst ermöglichen.
  3. Natürlich habe ich mit meinem Smartphone die NFC-Stationen genutzt. Zahlreiche Besucher beobachteten mich dabei und fragten interessiert nach, was ich da tue. All die, mit denen ich sprach, fanden die Möglichkeit spannend, empfanden es aber als schade, dass nur für sehbehinderte und blinde Besucher Inhalte angeboten wurden.
  4. Alle Besucher, die mit einem iPhone aus der Generation vor iPhone 7 testen wollten, waren dann doch enttäuscht, dass ihnen keine Möglichkeit geboten wurde, die Inhalte abzurufen. Es wäre ohne Schwierigkeiten möglich gewesen, für diese Nutzergruppe parallel den Abruf über QR-Code anzubieten. Platz genug auf den Stelen wäre gewesen.
  5. Die Stelen sind an sich schön und auch taktil gestaltet. Allerdings sind die NFC-Chips selbst nicht taktil und ohne erläuternde Symbole oder sonstige Gestaltung auf der Oberseite der Stehle befestigt. Das sieht unfertig aus und ist sicher auch nicht hilfreich für den Besucher, der mit den aufgebrachten NFC Chips nichts anzufangen weiß.
  6. Außerdem wurden pro Stele mehrere Chips angebracht. Mir erschließt sich sofort, warum dies gemacht wurde. Die NFC-Antennen unterschiedlicher Smartphonetypen sind an unterschiedlichen Stellen angebracht. Das wissen die Nutzer nicht unbedingt. Hier wird also versucht, durch die Anbringung mehrerer Chips dieses Problem zu umgehen. Allerdings ist das eher verwirrend und führt je nach Gerät zu Störungen und Fehlern, da bei vielen Smartphones die Antenne mittig im oberen Viertel integriert ist. Ein einzelner taktiler Sticker, mit einem Chip hinterlegt, wäre hier wesentlich sinnvoller gewesen.
  7. Als Leihgerät, so wurde uns gesagt, wird das Samsung S7 angeboten. Diese Geräte sind recht teuer, dabei aber mit einer schwachen NFC Antenne ausgestattet. Dies führt zu Bedienungsfehlern. Es gibt günstigere Geräte (zwischen 150,- und 200,- Euro), die über eine wesentlich bessere Antenne verfügen.

 

Abschließend ist Folgendes festzuhalten: Die Idee, NFC für den Audioguide zu testen, finde ich natürlich gut. Auch eine Art Pilotversuch vor Einführung einer Technologie ist sicher richtig und empfehlenswert. Allerdings sehe ich hier erhebliche Schwierigkeiten. Der hier gewählte Testaufbau schöpft nicht nur nicht das Potential aus, sondern lässt NFC in einem viel schlechteren Licht erscheinen als dies sein müsste. Es ist halt doch nicht nur der Chip, den man anbringen und auf eine mobile Website verlinken muss. Richtig eingesetzt hätte man ein wirklich inklusives System schaffen können, das allen Besuchern einen intuitiven Zugang zur Ausstellung bieten könnte und vielleicht auch eine digitale Erweiterung der gern genutzten analogen Stationen gewesen wäre. Noch hat die Ausstellung erst eröffnet, Verbesserungen der NFC – Testumgebung wären mit überschaubaren Aufwand durchaus noch möglich. Wir bleiben dran und sind gespannt.

 

(Alle Fotos: tuomi S.A.)

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